Absurdes Theater – Pandemiejournal Tag 51

Freitag telefonierte ich mit meiner Schwester. Im Verlauf des Gesprächs fragt sie mich: »Du, ich habe einen seltsamen Grauschleier und Schlierensehen im linken Auge. Was hältst du davon?« Oh, Shit. Ich bitte sie direkt einen Augenarzt aufzusuchen, was sie auch tut. Die Augenärztin checkt es nicht – Netzhaut o.B., Hornhaut o.B., Ratlosigkeit. Sis soll am Montag ihren Arzt aufsuchen Der hört den Schuss direkt, und jagt die Schwester aus dem Stand ins KH Halle. Ende vom Lied: Carotisstenose (80%). Morgen CT anschließend OP. Ob der Sehnervkopf dauerhaft geschädigt ist, wird sich dann erweisen müssen.
Ich danke allen Göttern, daß ihr Auge sie warnte. Diese Show hätte auch direkt ein Schlaganfall werden können, und die zwei Tage Verzug waren – aus medizinischer Sicht – ein hartes Pokerspiel.
Was ich nicht verstehe: Wieso haben bei der Augenärztin nicht die Alarmglocken hinblicks Gefäßverschluss geläutet bei einer Patientin mit insulinpflichtiger Diabetes und einem dreifachen Bypass nach Herzinfarkt? Ich bin bloß ein blöder Halblaie (Pflegehilfe, RetSan), und bei mir schlugen die Dinger sofort an!
Naja. Sei dem wie es sei. Narrow escape, I’d say.
Sis nahm es humorig: »Immerhin weiß ich jetzt, daß ich Corona-negativ bin.«

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Ein Test meiner Krankenkasse (ich war einfach neugierig) rät mir psychologische Hilfe zu suchen – starke depressive Tendenz – und ich kann darüber nur lachen. Erstens ist es schon seit Dekaden extrem schwer einen Therapieplatz zu finden, zweitens ist dies in Pandemiezeiten sicher nicht einfacher geworden, und drittens bezweifle ich die Aussagekraft es Tests in diesem Fall. Es ist so eine Sache der Tagesform. Ich spüre sehr gut, daß mich diese Lebenslage unter Corona belastet – aber wen nicht?!? Es ist für alle und jeden eine harte Nummer.
Insgesamt schlage ich mich eher gut, dunkle nur selten ein, bin eher sehr aktiv (nicht nur für mich selbst) , und reite Dinge, die ich nicht ändern kann, schon seit Jahren auf der Stoa ab.
Natürlich sitzt mir die alte Freundin Insomnia dauernd auf dem Schoß, doch kriege ich meine 6-7 Stunden Schlaf zusammen, wenn auch zu absurden Zeiten. Natürlich rauche ich mehr als sonst und bewege mich weniger – all das dürfte ich aber aktuell mit der halben Republik teilen. Sich selbst superwichtig zu nehmen und ständig zu beobachten ist sicher kein guter Weg in einer Krisenbewältigung, die – nebenbei bemerkt – die ganze Welt betrifft.

Es ist hart, und es fühlt sich auch so an. Unterm Strich aber: Zuversicht.
This, too, will pass. Sooner or later.

3 Kommentare

  1. Es sieht ganz gut aus so weit. Sie darf übers Wochenende nach Hause, nächste Woche wird dann wohl die Operation laufen.
    Danke für eure guten Wünsche.

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