Kleine Frau im Sturm (Tag 676)

Es gibt Punkte, an denen Gesamtlagen kippen. Manchmal auch in eine Richtung, die man nicht erwartet hatte.
Die Fakten:

  • Seit fast zwei Jahren verwalte ich zwei Leben, mit zunehmendem Komplikationsgrad.
  • Das Einzelunternehmertum hat unter der Pandemie sehr gelitten.
  • Zwei Jahre ohne spontane Unternehmungen, ohne Tanz, Schwimmbäder und Bars ziehen am Nervenkostüm.
  • Mein Leben ist in der Verwaltung des (Über-)Lebens meiner Mutter leidlich aus dem Ruder gelaufen.
  • Mithin sitzt mir das Finanzamt im Genick. Auch nicht schön.

Jetzt hat sch meine Ma – sehr abrupt – in die Demenz verabschiedet. Alles, was sie mich nicht hat vorbereiten und planen lassen (da sie nicht entmündigt war und mir oft in den Arm fiel), fällt mir nun auf den Kopf. Krankenhaus, Kurzzeitpflege, Geriatrie in einem anderen Krankenhaus, danach: ein Plan, aber noch keine Klarheiten. Kann mich in meinem Leben um gar nichts kümmern, rotiere um die Mutter, bin völlig entnervt.

Und heute morgen spiegelt mich der Kater, markiert auf mich und das Bett, während ich noch schlafe – und plötzlich werde ich ganz ruhig. Beziehe alles neu, trage die Bettwaren in die Waschmaschine des Mannes (meine ist kürzlich verreckt – auch das noch.), recherchiere meine Möglichkeiten im Bezug auf das Schimpansenamt, führe Telefonreihen in Sachen meiner Ma, und dann ist da auch noch meine eigene Untersuchung am elften Januar (um einen Schilddrüsenkrebs bei mir sicher auszuschließen), und in alldem kehrt bei mir eine tiefe Ruhe ein, ein sackleinener Pragmatismus.

Ein Schritt nach dem anderen. Bis zum 2. Februar ist die Mutter versorgt. Ich fahnde nach einer Langzeitpflege in meiner Stadt. Jeden Tag mindestens drei Einrichtungen. Kommt Zeit, kommt Autobus. Um mein Problem mit dem FA kann ich mich morgen kümmern; ich weiß nun, was zu tun ist.
Am 13. werde ich vermutlich in die Mutterstadt reisen. Ich muß sehen, wie da die Lage ist – Wohnung, Kühlschrankleichen usw.

Gerade habe ich gar keine Idee wie ich das alles bewältigen soll – den bürokratischen Wasserkopf, meinen eigenen Beruf, die notwendigen Pausen – und bin doch ganz ruhig.

Ein Schritt nach dem anderen.
Für heute werde ich schon dankbar sein, wenn der Kater den Markierungswahn nicht wiederholt.