Telegramm aus drei Tagen

Der Nachbarfreund fällt mir auf die Nacht mit einem Beinahe-Kreislaufkollaps 1. mit der Tür ins Haus und 2. vor die Füße – Puls über 190, Atmung flach, desorientiert. Da enden meine Fähigkeiten. Als die Rettung eintrifft, ist er schon wieder bei sich, aber blass und schwach. Vitalzeichen und EKG okay, Blutzucker dito. Kann mir gut zusammenreimen, was geschah, doch ist es nicht an mir das zu berichten. Jetzt schläft er hoffentlich tief und fest. Wir werden morgen noch einmal reden. Satz des Tages (vom RetSan) »Sind sie die Mutter?« – Tiefe Freundschaften zwischen Menschen, die mehr als 30 Lebensjahre auseinander liegen, sind wohl eher ungewöhnlich. Grins. +++++ »Chefin« sagt er, und legt mir mit einem wunderbaren Lächeln die Hand auf die Schulter, das ich trotz Maske sehe. Wärme, Respekt und Freundlichkeit teilen sich auch in Coronazeiten mit – wenn man sie denn schickt. +++++ Nach 36 Jahren eine Bitte um Verzeihung (nicht um Absolution!) Resultat ist eines der schönsten Gespräche, die ich in den letzen paar Jahren hatte. +++++ Da ist ein Unterschied zwischen neben und mit. Ich werde darauf in Zukunft entsprechend reagieren. +++++ Keine Anrufe von der Klinik oder von Ma. Ich ziehe mich etwas zurück. Wenn mich jemand braucht, werde ich das sicher erfahren. +++++ Freitag wird es ein Jahr. Für mich hat sich in diesen zwölf Monaten nichts verändert, Zeit und Ruhe den eigenen Schmerz zu verarbeiten, sogar nur zu betrachten, sind nach wie vor Mangelware. Ob mir das irgendwann ins Genick fällt? Jedenfalls fehlst du. Laut und heftig. +++++ Die Dinge, die ich vermissen muß, sind Legion und liegen nicht in meinen Händen. Dankbarkeit für meine Freunde – K.K. – W.P. – J.K. – F.A. – S.Sch. und auch M.H. – ihr seid meine ‘escape ropes’.