Lauter Lügen

»Ich brauche jemanden, der sich ständig um mich kümmert.« – Nein, Mama, denn in ein Heim willst du nicht. Was du eigentlich willst, ist, daß einer von uns bei dir einzieht, dem du den ganzen Tag sagen kannst »Mach doch bitte dieses. Und jenes. Und das.« Aber nur für ein paar wenige Dinge. Den Rest der nötigen Verrichtungen soll er bitte von alleine sehen und von alleine tun. Dabei dürfte man niemals darauf hinweisen, daß du dich bewegen sollst, daß du manipulativ agierst und alle und jeden verschreckst, der dir helfen will.
Keine Pflegeperson könnte – und würde – das tun.

So läuft das nicht. Du bist bei Verstand, die Reha hat ermöglicht, daß du dich in der Wohnung bewegen kannst. Wenn du Angst hast zu stürzen, nutze den Rolator, verdammt! Und wenn dir der zu groß ist, sorge dafür, daß dir ein Arzt einen Wohnungsrolator verordnet. Das kannst nur du veranlassen! Wäre aber blöd, denn dann wäre ja wieder ein Ausrede für schlichten Unwillen im Eimer.
Nein, es ist nicht so, daß ich deine Überforderung nicht sehe. Auch Mitgefühl habe ich jede Menge. Das ändert aber nichts daran, daß niemand DEIN Leben für dich führen wird, so wie dein Mann es zu tun pflegte.

Mich holst du aus dem Bett mit einem Anruf, in dem du mir erzählst, du könntest einfach gar nichts mehr. Mein Nachfragen fördern nichts weiter zu Tage als »Ich weiß nicht. Ich weiß nicht.« Und dann kriegst du es nicht einmal fertig mich wie versprochen anzurufen, wenn der Hausbesuch des Arztes an diesem Tag geschehen ist? Selbst wenn er nicht gekommen wäre und den Termin verschoben hätte, wäre es … nett gewesen mir das mitzuteilen! Ich bin es unglaublich leid dir hinterher zu telefonieren, abhängig von deinen Launen – Geh’ ich jetzt ‘ran oder nicht? Ich bin es unglaublich leid von dir belogen zu werden, was deine Fähigkeiten betrifft. Ich bin es unglaublich leid über das Einholen von Auskünften bei deinem Arzt, deinem Pflegedienst, deinen Haushaltshilfen, deiner Freundin ein klareres Bild von der Gesamtlage zu bekommen als aus Gesprächen mit dir.

Mir reicht es jetzt dermaßen, daß ich dich nicht mehr anrufen werde. Wenn etwas arg schiefgeht, ist der ASB da; um alles andere kümmert sich der Pflegedienst und dein Arzt, und du wirst jetzt auf die harte Tour lernen, daß DU agieren mußt um dein Leben zu sortieren, vor allem anderen mußt du Entscheidungen treffen. Ein friedliches Leben in der vertrauten Wohnung ist jenseits der Pflegestufenfinanzierung möglich, wenn du dir entsprechend Personal dafür einkaufst – du mußt das nur durchdenken und entscheiden. Die Anbahnung würde ich sogar noch übernehmen. Aber das Spiel der erlernten Hilflosigkeit mache ich nicht einen Tag länger mit.

Ein Jahr davon ist genug.