Sie wissen es nicht

Was es bedeutet in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft aufzuwachsen, wenn man eine Frau ist, das kann ein Mann tatsächlich nicht wissen. Die Erfahrungen sind einfach zu unterschiedlich. Kein Mann lebt ganz und gar reflexhaft – weil internalisiert – mit dem Selbstschutzmodul. Nicht nur, daß bestimmte Wege oder ganze Gegenden in der Nacht gemieden werden; es geht viel weiter.

Du kennst den Kommilitonen fast zwei Jahre, ihr trefft euch zur Lerngruppe seit Ewigkeiten im privaten Umfeld. Eines Tages haben die anderen beiden keine Zeit, und eine eigentlich entspannte Situation schlägt um: übergriffige Bemerkungen, die Stimmung kippt, es geht bis zur Bedrohung, zunächst verbal, dann physisch. Nur deine innere Eiseskälte, die schnelle Reaktion und schließlich das Herausdrängen des Aggressors aus der Wohnung, mit lauter, starker Stimme, der vorgeschobenen Schulter, und einer Aggressivität, die du nicht fühlst, aber spielen kannst, bewahren dich vor Schlimmerem. Am hellen Nachmittag. Anzeige? Von was? Und ohne Zeugen? Dein sicheres Wissen, daß der sich genommen hätte, was du ihm nicht geben wolltest, wenn du ihn nicht mit deiner aggressiven Abwehr überfahren hättest, ist nicht justiziabel.

Damit ist ein Schaden angerichtet, der dir bleiben wird. Von nun an wird immer eine Freundin oder ein Freund wissen, wo und mit wem du bist, und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, wenn du dich bis zu einem Zeitpunkt x nicht meldest. Es wird Jahre dauern, bis du dich wieder mit einem Mann in eine Wohnung setzt, der ein Studienkollege bleiben soll – und nichts anderes. Frau packt sich ein paar Selbstverteidigungstechniken drauf, übt sie mit Freunden, bis das Muskelgedächnis die Sache gespeichert hat, und weiß doch: 80 kg gegen nicht mal 50, mehr Muskelmasse als die eigene – das kann dir immer auf die Füße fallen, wenn du nicht gerade in MMA ausgebildet wurdest. Frau schult die Antennen, wird extrem sensibel für entsprechende Vorabsignale, und hat immer eine gewisse Spannung unter allem, wenn sie mit einem Kerl allein ist.

Dieses Auslesen von Subtexten, die Feinantennen, über die denkst du irgendwann nicht mehr nach, sie sind einfach immer aktiv, längst nicht mehr bewusst. Wo immer du dich bewegst, gibt es eine gewisse Hellhörigkeit – sind da Schritte hinter mir, die sich meinem Tempo anpassen? Sind noch Passanten in meiner Nähe? Das ist nicht mehr denken – Angst hast du nicht – es läuft längst automatisch und auf Instinktebene.

Und dann dieser ganze andere Scheiß – Nachgepfiffen kriegen, halblaute sexistische Bemerkungen im Vorübergehen, der Typ, der sich in der überfüllten Bahn an dich drängt – mir passiert. Gelöst mit einem heftigen Tritt auf einen Fuß, mit Absatzschuhen. Kein Laut von ihm, aber wieder statthafter Abstand. Der wusste also ganz genau, was er da macht, andernfalls hätte er sich laut – und dann ganz zu Recht – beschwert.

Solche Geschichten könnte ich in Mengen erzählen (wie vermutlich fast alle Frauen auf diesem Planeten), der ganze Driss hat erst aufgehört, als ich schon über 50 war. Naja aufgehört – die Schlagzahl läßt immerhin nach, wenn Frau älter wird.

Auch im Privaten gibt es eine – wahrscheinlich meist unbewusste – Grundhaltung. Ihre Meinung ist weniger wert als seine, per definitionem. Mansplaining begleitet das weibliche Leben von der Kindheit bis ins Alter (mein Vater konnte das auch gut, ganz sicher unbewusst, aber deshalb nicht weniger übergriffig, und prägend, ob ich das nun will oder nicht)

Dieses ganze Geflecht kann sich ein Mann gar nicht vorstellen, sie kennen es schlicht nicht.

Ich mag Männer, aber ich kenne nach einigen Dekaden Leben nur wenige, in deren Gegenwart ich mich sicher und wohl fühle.

Harte Quintessenz – meine – ein Großteil der Männer sind Arschlöcher. Breitbeinig, unsensibel, bestimmend, überheblich; durch wessen Schuld ist unerheblich. Was Wunder – es ist ihre Welt, nicht unsere. Daran hat sich in den letzten 30 Jahren nichts geändert.

Trotzdem finde ich die Berichterstattung in der Causa Fernandez ./. Ulmen so richtig zum Kotzen. Eine eingehende Recherche förderte keinerlei Beweise zu Tage; was Medien und auch manche Blogger jetzt schreiben, erfüllt den Tatbestand der Vorverurteilung. Schon mal etwas von der Unschuldsvermutung gehört, lieber Spiegel und andere? Gesetzt, der Vorwurf erwiese sich als haltlos, wäre doch der Ruf von Herrn Ulmen auf alle Zeiten beschädigt. So geht Journalismus nicht, liebe Leute. Ihr solltet euch schämen.


Bildquelle (Header): Pixabay

4 Kommentare

  1. Zustimmung, einhundert Prozent. Dass Männer auch heute noch ein klares Nein nicht akzeptieren können, ist schlimm genug. Eigentlich sollte unsere Spezies die Feinfühligkeit besitzen zu bemerken, wenn ein Treffen einen rein freundschaftlichen Hintergrund hat.

    Aber – Nicht alle Männer sind Monster, bzw. sind dann keine Männer. Der Begriff Männer (sollte) positiv besetzt sein, nämlich mit so altmodischen Eigenschaften wie Respekt, Tapferkeit und ja, auch eine gewisse Ritterlichkeit.

    Das was in uns wohnt: Gewaltaffinität als Konfliktlösung, Unerschrockenheit und auch Leichtsinn, ist evolutionär bedingt. Denjenigen die das als Entschuldigung für Übergriffigkeit rechtfertigen sei allerdings gesagt: Ihr seid keine Männer, sondern emotional gestörte Wesen.

    1. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin keinesfalls der Meinung alle Männer seien Monster. Was ich aber sage, ist, daß Männer in einer Weise sozialisiert wurden und werden, die die Frauen zwingt jeden Mann als potentielle Gefahr zu betrachten bis das Gegenteil bewiesen ist. Das Schlimme daran: Es ist ein Generalverdacht, und er ist begründet:
      https://www.bka.de/DE/Presse/Listenseite_Pressemitteilungen/2024/Presse2024/241119_PM_BLB_Straftaten_gegen_Frauen.html
      Was das mit einem Gehirn, einem Leben, einem Sein macht, wird ein Mann sich nie vorstellen können.

      Wie scheußlich muß sich das für jene Männer anfühlen, die nie auch nur an Übergriffigkeit gedacht haben? – Das ist die andere Seite der Medaille.

  2. Da hast du Recht – sie wissen es nicht. Und erklären uns dann trotzdem, dass wir doch alle längst gleichberechtigt wären. Finde den Fehler 🤔
    Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich viele Erfahrungen nicht teile. Hat auch Vorteile, wenn frau eher so durchschnittlich ausschaut und die feinen Haare sich nur für Kurzhaarschnitte eignen. Auch mein Umfeld war fast ausschließlich geprägt von Männern, in deren Gesellschaft frau sich völlig neutral bewegen und fühlen konnte. So eine Heile-Welt-Blase kann natürlich schnell vergessen lassen, was alles noch falsch läuft in der Welt. Das ist auch einer der Gründe, warum ich auf Phänomene wie Trad Wifes und auf traditionelle Hausfrauenrollen so allergisch reagiere.
    Die Berichterstattung ging mal wieder völlig an mir vorbei. Mit Generalverdacht ist das so ein Thema – einen guten Freund hat so eine Beschuldigung schon mal hart getroffen. Obwohl er seine Unschuld beweisen und die Lügen nachweisen konnte, wurde er gleich in eine Schublade gesteckt und nicht mehr angehört. Ganz heikles Thema und jede falsche Anschuldigung (in beide Richtungen) macht es für echte Opfer noch schwerer 🤬

    1. Von Gleichberechtigung wie Gleichbehandlung sind wir weit entfernt, von gleichem Lohn für gleiche Arbeit müssen wir da nicht mal nicht anfangen. Für die andere Welt, in der Frauen leben, spielt das Aussehen der Frau kaum eine Rolle – es reicht, daß sie eine Frau ist. Da genau ist der Haken.
      Frau Reschke hat mich da mit einer Sendung zum Frauentag mal so betroffen gemacht – ich habe mich bis heute nicht davon erholt: https://www.youtube.com/watch?v=97jvRs2WPGc
      Das bringt die Sache so auf den Punkt, daß einen friert. Glücklich die Frau, die nie finstere Erfahrungen machen mußte! Aber die eingebaute Vorsicht, die hast du auch, oder? Man lehrte uns doch von Kindheit an mit Männern umzugehen, sei nicht per se ungefährlich.
      Die Männer, die sich falscher Anschuldigungen erwehren müssen, habe mein ganzes Mitgefühl – das ist eine sehr häsliche Sache!

      Dieser ganze Mist wird nicht aufhören so lange es Menschen gibt, die Frauen einen numinosen geringeren Wert zumessen als männlichen Menschen. Vieles hat sich nicht geändert – ein Mann mit wechselnden Freundinnen ist noch immer ein toller Hecht, eine Frau mit vielen männlichen Freunden eine Schlampe … völlig unabhängig davon, was sie tut – oder eben nicht tut.
      Es ist ein weites Feld … Und wirklich schöner/besser ist es über die Jahrzehnte, die ich überblicken kann, nicht geworden.

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